Was ist Flipped Classroom?

Das Flipped Classroom Konzept

Die Grundidee des Flipped Classrooms ist das Vertauschen der Inhaltsvermittlung, die traditionell gemeinsam vor Ort im Klassenzimmer mit der Lehrperson stattfindet, mit dem Üben und Vertiefen, also der Hausübung, welche üblicherweise zu Hause, in der Nachmittagsbetreuung, in der Bücherei etc. allein erledigt wird. „Das Ziel dabei ist es, Zeit für das gemeinsame Lernen und das Anwenden des neu Gelernten zur Verfügung zu haben“ (Schäfer, 2012, S. 4).

Die am weitesten verbreitete Form des Flipped Classrooms ist jene, bei der die Lehrperson ein Lernvideo für die Lernenden online zur Verfügung stellt. Die durch das Vertauschen gewonnene Zeit im Unterricht kann mit der Lehrperson somit sinnvoll genutzt werden, um Fragen zu beantworten oder individuell zu fördern. Ziel des Flipped Classrooms ist demnach nicht die traditionellen Unterrichtsmethoden zu ersetzen, sondern eine weitere Möglichkeit zu bieten, den Unterricht modern, individuell und effektiv zu gestalten (Bergmann & Sams, 2012a, S. 19-33).

1. Entstehung

In Amerika findet Flipped Classroom bereits seit vielen Jahren Anwendung. Eine Gruppe von Professoren der Wirtschaftswissenschaften an der Universität Ohio stellte bereits in den späten 1990er Jahren ihre PowerPoint-Folien online zur Verfügung. Die Studierenden hatten somit die Möglichkeit, sich mit dem Lehrstoff vorab auseinanderzusetzen. In den Vorlesungen war anschließend mehr Zeit, um individuelle Fragen zu stellen und über den Lehrstoff zu diskutieren (Bergmann & Sams, 2014a, S. 19). Diese Möglichkeit vor zulernen und auch der Einsatz von Videos im Unterricht waren allerdings auch in den 1990er-Jahren nicht neu. Vor dieser Zeit gab es bereits Lehrmethoden, welche ein Vorlernen beinhalteten. Was war also das Neue am flipped learning?

„[…] video has been used in education for a long time. Yet using it as a pre-teaching tool is new.“ (Bergmann & Sams, 2014a, S. 20)

Die Verwendung von Videos als Vorlern-Tool war das Neue an Flipped Classroom. In den Jahren zuvor wäre es noch undenkbar gewesen, dass Lehrpersonen ihre eigenen Videos erstellen. Mit den digitalen Medien des Informationszeitalters wurde dies möglich und somit war eine neue Lehrmethode geboren. Im Schulbereich hat Flipped Classroom seine Verbreitung gefunden, als 2007 Bergmann und Sams das Konzept der Hochschulen aufgriffen und es weltweit auf Konferenzen anderen Lehrkräften vorstellten (Schäfer, 2012, S. 6).

Die weiteste Verbreitung des Flipped Classrooms findet man nach wie vor im Hochschulbereich in den USA. Das Center for Digital Education hat 2015 in einer Befragung von Hochschullehrenden festgestellt, „dass 29 % der Lehrenden mit Flipped Classroom arbeiten und weitere 27 % dieses innerhalb eines Jahres vorhatten“ (Johnson, Adams Becker, Estrada, & Freeman, 2015, S. 38).

Auf wissenschaftlicher Ebene findet man bereits sehr viel Literatur zum Einsatz von Flipped Classroom im englischsprachigen Raum, aber auch in Deutschland gibt es bereits dementsprechende Publikationen. Seit 2012 findet jedes Jahr eine deutschsprachige ICM Konferenz statt, zu der ein Begleitband mit den wichtigsten Artikeln herausgegeben wird (Handke & Sperl, 2012; Handke, Kiesler, & Wiemeyer, 2013; Großkurth & Handke, 2014; Großkurth & Handke, 2016; Freisleben-Teutscher & Haag, 2016).

Trotz des Hypes um das umgedrehte Klassenzimmer als eine spannende neue Lehrmethode gibt es allerdings noch wenig wissenschaftliche Forschung über ihre Wirksamkeit (Bishop & Verleger, 2013, S. 5).

2. Flipped Classroom

Bergmann und Sams definieren Flipped Classroom so, dass alles, was bisher im Unterricht erledigt wurde, nun zu Hause gemacht wird, und was normalerweise zu Hause gemacht wird, im Unterricht behandelt wird.

„Basically the concept of a flipped class is this: that which is traditionally done in class is now done at home, and that which is traditionally done as homework is now completed in class.“ (Bergmann & Sams, 2012a, S. 13)

Es gibt allerdings nicht einen bestimmten Weg, um seinen Unterricht umzudrehen. Jede Lehrperson definiert ihren Flipped Classroom auf eine andere Art und Weise. Nur eines haben die Methoden gemeinsam: Die Aufmerksamkeit wird von der Lehrperson weg hin zu den Lernenden und dem Lernen gelenkt (Bergmann & Sams, 2012a, S. 11).

Für die optimale Vorbereitung der Lernenden ist der Inhalt so aufzubereiten, dass diese sich mit den neuen Inhalten auseinandersetzen und diese selbstständig erschließen können. Das reine Lesen eines Textes – online oder offline – als Vorbereitung auf die Präsenzphase wird noch nicht als Flipped Classroom definiert (Schäfer, 2012, S. 6).

3. Flipped Class 101

Die gebräuchliche Beschreibung eines Flipped Classrooms ist, dass Schülerinnen und Schüler zu Hause Lernvideos ansehen und im Unterricht typische Hausaufgaben wie Arbeitsblätter, Problemstellungen, Übungen und dergleichen bearbeiten. Diese simple Zeitverschiebung nennen Bergmann und Sams (2014a, S. 20; 2015, S. 6) Flipped Class 101. Alle Schülerinnen und Schüler schauen am gleichen Tag das gleiche Video und im Unterricht wird zu genau diesem Thema gearbeitet.

Dies ist der Beginn des Modells, aber bei weitem nicht das Ziel. Mittlerweile haben Bergmann und Sams Flipped Class 201 (Bergmann, 2012) entwickelt, das auch unter dem Namen Flipped Mastery Classroom bekannt ist.

4. Flipped Mastery Classroom

Da sich das Konzept des Flipped Mastery Classrooms auf die Hattie Studie und das Mastery learning bezieht, werden in diesem Kapitel zuerst diese beiden Begriffe erläutert und anschließend der Bezug zum Flipped Mastery Classroom hergestellt.

4.1 Die Hattie Studie

Der neuseeländische Bildungsforscher Hattie hat 2009 ein Buch herausgebracht, in dem er über seine Forschung im Bereich Visible Learning berichtet (Hattie, 2009). Hattie hat 15 Jahre lang Daten erhoben und somit die größte Datenbasis zur Unterrichtsforschung zusammengestellt. Laut seiner Studie führen 138 Einflussfaktoren zum Lernerfolg, welche in sechs zentrale Bereiche gegliedert werden können: Elternhaus, Lernende, Schule, Curriculum, Lehrperson und Unterrichten. Die schulische Leistung kann somit nicht der Lehrperson alleine angelastet werden. Eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen allen Bereichen ist erforderlich. Die Lehrperson hat nicht auf alle genannten Bereiche Einfluss, doch auf die wichtigsten: das Unterrichten und die Lehrperson selbst, da diese von den Kompetenzen und der Haltung der Lehrperson abhängen (Zierer, 2014, S. 18).

Steffens (2013) zitiert Hatties grundlegende Aussage über erkennbares Unterrichten und Lernen folgendermaßen:

„Erkennbares Unterrichten und Lernen (‚visible teaching and learning’) finden statt, wenn das aktive Lernen jedes einzelnen Lernenden das explizite Ziel ist, wenn es angemessen herausfordert, wenn der Lehrer und der Schüler (auf ihren unterschiedlichen Wegen) überprüfen, ob und auf welchem Niveau die Ziele auch wirklich erreicht werden, wenn es eine bewusste Praxis gibt, die auf eine gute Qualität der Zielerreichung gerichtet ist, wenn Feedback gegeben und nachgefragt wird und wenn aktive, leidenschaftliche und engagierte Menschen am Akt des Lernens teilnehmen.“ (Steffens, 2013, S. 7)

Unter visible learning versteht Hattie demnach, die Wirksamkeit von Lernprozessen sichtbar, erkennbar, belegbar, einsehbar, thematisierbar und verhandelbar zu machen. Hierfür rückt er das Feedback in den Mittelpunkt: einerseits Feedback über den Lernstand der Lernenden, aber vor allem auch Feedback über den Unterricht (Zierer, 2014, S. 24).

4.2 Mastery Learning

Mastery Learning bedeutet zielerreichendes Lernen. Diese von Bloom (1974) entwickelte Theorie besagt, dass jede Schülerin und jeder Schüler ein bestimmtes Lernziel erreichen kann, solange sie bzw. er im eigenen Tempo am Lehrstoff arbeiten darf (Schröder, 2002, S. 135).

Die Kennzeichen des Mastery Learning sind:

  • Schülerinnen und Schüler arbeiten entweder in kleinen Gruppen oder einzeln in einem angemessenen Tempo.
  • Die Lehrperson beurteilt die Lernenden und prüft das Verständnis der Lernenden.
  • Lernende demonstrieren das Können der Ziele durch mehrere Beurteilungen. Lernende, die ein bestimmtes Ziel nicht erreicht haben, müssen dieses nachholen bzw. wiederholen.

Dieses Modell fand zwar schon in den 1970er Jahren Beachtung, doch es war damals noch zu schwierig zu implementieren, da die Ressourcen fehlten, um eine Lehrperson so lange den Lehrstoff wiederholen zu lassen, bis ihn alle Lernenden verstanden hatten. Das Informationszeitalter lässt dies nun zu. Vorbereitete Videos ermöglichen den Lernenden den Lehrstoff, sooft sie es benötigen, zu wiederholen und die Lehrperson kann die wertvolle Unterrichtszeit dafür verwenden, zusätzliche Informationen und Hilfestellungen zu geben (Bergmann & Sams, 2012a, S. 52).

4.3 Flipped Mastery Classroom

Bergmann und Sams (2012a, S. 53; 2015, S. 63) erweiterten Flipped Class 101 nach Blooms Taxonomie (Bloom, Engelhart, Furst, Hill, & Krathwohl, 1974) um das Mastery Learning. Da die Lehrperson im Unterricht nicht vortragen muss, nachdem dies durch Lernvideos passiert, kann der Lernprozess besser beobachtet (Bergmann & Sams, 2012a, S. 64) und unmittelbar Feedback gegeben werden, was laut Hattie (2009) die Wirksamkeit des Lernprozesses fördert.

Ursprünglich sahen sich alle Schülerinnen und Schüler am selben Tag das gleiche Video an. Sie konnten zwar Uhrzeit und Ort frei wählen, doch der Tag war fest vorgegeben. Mastery Learning ist ein System, in dem die Lernenden zeigen müssen, dass sie den Lehrstoff verstanden haben, um zum nächsten Kapitel fortschreiten zu dürfen. Flipped Mastery Classroom erlaubt demnach den Schülerinnen und Schülern, den Lehrstoff mittels Videos und Aufgaben im eigenen Tempo zu erarbeiten. Es ist zwar schwieriger und ermüdender für die Lehrperson, wenn jede Schülerin und jeder Schüler an einem anderen Projekt arbeitet, doch für das Lernziel ist es effektiver. Beim Flipped Mastery Classroom wird in Kleingruppen gearbeitet. Kurze Tests, zum Beispiel in der Form von Quiz, geben den Lernenden Information darüber, ob sie den Lehrstoff verstanden haben. Die Lehrperson steht unterstützend zur Seite (Bergmann & Sams, 2012a, S. 51-76).

5. In-Class Flip

Nicht immer haben alle Schülerinnen und Schüler ein digitales Gerät und eine Internetverbindung zu Hause. Gonzalez (2014) wendet in so einem Fall den In-Class Flip an. Anstatt die Videos zu Hause anzusehen, wird ein Stationenbetrieb in der Klasse aufgebaut, bei dem eine Station das Ansehen eines Videos beinhaltet. Die restliche Zeit wird mit Gruppenarbeiten und anderen Aktivitäten verbracht. Wie beim klassischen Flipped Classroom läuft die Wissensvermittlung von selbst und die Lehrperson hat mehr Zeit, sich um die individuellen Fragen der Schülerinnen und Schüler zu kümmern.

Der Unterschied zwischen dem In-Class Flip und einem einfachen Stationenbetrieb ist die Rolle der Lehrperson. Beim In-Class Flip hat die Lehrperson die Möglichkeit, sich frei zwischen den Stationen zu bewegen, zu helfen und Missverständnisse zu beseitigen, da sie die Lehrinhalte nicht persönlich liefert (Gonzalez, 2014).

Dies ist ein Auszug aus meiner Masterthesis „Umsetzung des Flipped Classroom Konzepts mit Lernvideos im Mathematikunterricht der Sekundarstufe I“